Mein Lieblingsetikett - mein Lieblingsblatt

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Etikett für Fes-Hutschachtel, Österreich, ca. 1910

Welches Etikett ist mir am liebsten? Jenes, das für eine Hutschachtel bestimmt war, eine Schachtel für einen Fes, jene Kopfbedeckung, die - in Brünn hergestellt - sich im Orient großer Beliebtheit erfreute. Es zeigt die Galatabrücke, welche, das Goldene Horn überspannend, Beyoglu mit Stambul verbindet. Ich kenne sie gut. Sie krietschte bei jeder Bewegung mit den Eisenschanieren, von Fischerbooten aus wurde für ein paar Lira in Öl ausgebackener und in Zeitungspapier gewickelter Schellfisch verkauft, der besser schmeckte, als in teuren Restaurants, und ein Schuhputzer, er war ungefähr zehn, polierte meine Latschen wie die ausgetretenen Museumsstücke von Chaplin. Ach ja, und in einem Lokal unter der Brücke kaltes Bier aus einer großen grünen Kiste mit zerstossenem Eis. Der Blick ging nach Üsküdar rüber, auf dem Bosporus fuhren Schiffe vorbei und über mir (Nein, das war mehr als fünfzig Jahre zuvor!) Passanten - jeder einen Fes auf dem Kopf. 

 

Ludwig Lugmeier - Schriftsteller

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Etikett für Bananensaft, Frankreich, ca. 1920

Bemerkungen zur Banane

  

Also, so ne Banane

            ist eben erste Sahne.

Die Banane ist auf ihre Art

            nicht zu weich und nicht zu hart.

Ein Hochgenuss

            ganz ohne Reißverschluss.

Die Banane ist immer eine Sünde wert.

            Sie knistert nicht im Kino und Konzert.

So ne Banane gehört zu den Dingen,

            die es einfach irgendwie bringen.

Ein Halbmond am Himmel der Delikatessen.

            Fast schon zu schade zum Essen.

 

So ne Banane, kann man nicht anders sagen,

            liegt gut in der Hand und nicht schwer im Magen.

Die Banane ist immer schön anzugucken.

            Es gibt keine Kerne auszuspucken.

Doch, doch die Banane beeindruckt sehr,

            ich meine: schon von der Farbgebung her.

So ne Banane - Respekt, Respekt! –

            sieht einfach gut aus. Und schmeckt!

Aber nicht nur:

            Die Banane ist das Lächeln der Natur.

 

Bernhard Lassahn - Schriftsteller

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Einwickelpapier für Blufajo, Deutschland, ca. 1910

Ein Etikett aus einer Zeit, da Etikette noch etwas galt, einer Zeit, in der ich gerne gelebt hätte. Nachdem ich erfolgreich beim Kommerzienrat, ihrem Vater, um die Hand der Schönen angehalten hatte, war er so gütig, mich in den Mitarbeiterstab seiner Firma, Getreide In- und Export, aufzunehmen, nicht ohne angedeutet zu haben, dass mir bei Fleiß und Einsatzfreude glänzende Aufstiegschancen winkten. 
So gehe ich nun jeden Morgen ins Kontor, während meine Gemahlin, die wohl bald guter Hoffnung sein wird, dem Personal Anweisungen erteilt. In ihrer sanften Art.

 

Michael Schulte - Schriftsteller

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Einwickelpapier für Kautabak, Deutschland, ca. 1900

"Toms Entdeckung war eine neue Art zu pfeifen, die er kürzlich von einem 
Negerjungen gelernt hatte. Er brannte geradezu darauf, es ungestört zu 
üben. Dieses Pfeifen bestand aus seltsamen vogelartigen Lauten, einer 
Art von Trillern, die man hervorbrachte, indem man die Zunge in kurzen 
Abständen unter den Gaumen presste.- Der Leser erinnert sich vielleicht, 
wie es gemacht wird, wenn er jemals ein echter Junge gewesen ist.
Durch Eifer und Ausdauer brachte Tom es bald zu einer gewissen 
Fertigkeit, und als er die Straße hinuntertrottete, war sein Mund mit 
Harmonie, seine Seele mit Dankbarkeit erfüllt. Er fühlte sich genauso, 
wie sich ein Astronom fühlen mag, der gerade einen neuen Planeten 
entdeckt hat. ..."

(aus: Mark Twain - Tom Sawyers Abenteuer)

eingereicht von Helmut Hausberg - Geiger und Kunstpfeifer

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Etikett für Orangenkiste, USA, 1940

Mein mir liebstes Etikett ist jenes für kalifornische Orangen der Marke “Airship Brand”, wiewohl es kein Luftschiff, sondern ein Flugzeug zeigt. Es gefällt mir nicht nur wegen der leuchtenden Farben (deswegen passt es gut in mein Arbeitszimmer und zu meinen wenigen anderen Obstkistenetiketten, siehe Fotos), sondern weil ich Flugzeuge mag, insbesondere diejenigen mit vier Propellern. Das Bild erinnert mich an meine Kindheit in einem Reihenhaus unter der Einflugschneise des Hamburger Flughafens, die geprägt war von dem Geräusch landender und startender Propellerflugzeuge. Damals störten sich die Menschen noch nicht so sehr an Fluglärm, denn die damaligen Flugzeuge waren kleiner und ihre Motoren leiser als die der heutigen Düsenflugzeuge, ihr sonores Brummen stand für einen wieder auflebenden Passagier- und Warenverkehr im zweiten Nachkriegsjahrzehnt.

Das Flugzeug auf dem Etikett ist ein Entwurf aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, als in den USA die ersten großen Landflugzeuge für Transatlantikflüge konzipiert wurden. Der gezeigte Entwurf wurde wegen des Krieges nie gebaut, aber der für die damalige Zeit futuristische Entwurf  versprach schon im Jahr 1940 einen prosperierenden Luftverkehr und schwunghaften Handel, natürlich auch mit kalifornischen Orangen.

Warum heisst die Marke aber “Airship” und nicht der Abbildung entsprechend “Airplane”? Vielleicht deswegen, weil es die Marke schon seit 1900 gibt und ihre Etiketten seinerzeit wirklich ein Luftschiff zeigten. Luftschiffe waren vor über hundert Jahren die einzigen Luftfahrtzeuge, die außer dem Piloten noch Fracht und Passagiere an Bord nehmen konnten, so taugten sie eher als Symbol für den schnellen Transport frisch geernteter Südfrüchte, die quasi im Fluge zum Verbraucher gelangen sollten, um nichts von ihrer Frische zu verlieren. Das damals abgebildete Luftschiff war der “Santos-Dumont 4” genannte Eigenbau des in Paris lebenden Brasilianers Alberto Santos-Dumont, der von 1900 bis 1907 eine Reihe kleiner Luftschiffe baute, um damit den von einer französischen Zeitung ausgelobten Preis für die erste geflogene Umrundung des Eiffelturms zu gewinnen. Als ihm das gelungen war, baute er mit dem Geld “richtige” Flugzeuge, nie wieder ein Luftschiff.

Santos-Dumont’s viertes Luftschiff, welches nur im Sommer des Jahres 1900 über Paris gesehen wurde, hätte allerdings höchstens eine kleine Obstkiste als Nutzlast an Bord nehmen können, um sie in Ventura County von einer Plantage zur nächsten zu fliegen. Deswegen wechselten die Betreiber der Marke “Airship” schon nach wenigen Jahren zum Bild eines moderneren und vor allem tragfähigeren Flugzeug, einem Flugboot des amerikanischen Konstrukteurs Glenn Curtiss. Jener war auch bekannt als “schnellster Mann der Welt”, weil er mit seinem selbstgebauten Motorrad “Curtiss V8” 1907 knapp 220 km/h erreichte, ein Rekord, der bis 1911 halten sollte. Ein Flugzeug dieses Mannes eignete sich besser als Symbol für geschwinde Lieferung von Obst, außerdem hätte man das in Serie produzierte Curtiss-Wasserflugzeug wirklich zum Transport von Orangen gebrauchen können (wenn auch nicht in großem Stil und nur von Hafen zu Hafen).

Der technische Fortschritt machte in den folgenden Jahren nicht halt, und so war es zu erwarten, dass sich das Etikett wieder ändern würde, sobald größere und schnellere Flugzeuge mehr “Payload” von A nach B fliegen könnten. Das nächste abgebildete Flugzeug war die Ford Trimotor, mit der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten Linienflüge innerhalb der USA unternommen wurden. Der Markenname “Airship” jedoch blieb erhalten, wohl weil im englischen dieses Wort nicht nur für “Luftschiff” steht, sondern auch als “Verschiffung per Luft”, also als “Luftfracht” gelesen werden kann. Die Ford Trimotor war schnell veraltet und in den 1930ern flogen die meisten Fluglinien der westlichen Welt die Douglas DC-3 (Der spätere “Rosinenbomber” der Berlin-Blockade), aber für die Marke wurde schließlich der Entwurf eines Flugzeuges aus der kommenden Generation der Langstrecken-Passagierflugzeuge gewählt.

Die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war eine Zeit der Beschleunigung, und das im wahren Sinne des Wortes: Autos, Flugzeuge und Raketen waren die Erfindungen, welche die Vorstellungen der Menschen dieser Zeit am stärksten prägten. So war es nicht verwunderlich, dass die Abbildungen all dieser verkehrstechnischen Errungenschaften wie Ikonen auf die Etiketten auch von Obstkisten gedruckt wurden, um ihren Inhalten die Aura von technischem Fortschritt zu geben (etwas, das eine einzelne Orange normalerweise weder hat, noch braucht). Nach dem zweiten Weltkrieg liess diese Technikbegeisterung aus gutem Grund zwar spürbar nach, aber noch heute bedienen sich die Produzenten von Zitrusfrüchten der mittlerweile leicht nostalgischen Ausstrahlung von Flugzeugen, wie die spanische Marke “Der Flieger” beweist. Sogar die “Airship Brand”-Marke existiert noch, heute zeigt sie allerdings eine Boeing 747, den bekannten “Jumbo Jet”, mit dem in den letzten siebziger Jahren Flugreisen für jedermann erschwinglich wurden.

Auch dieser Aspekt des Fliegens hat auf das Geschäft mit Apfelsinen abgefärbt: So wie man heutzutage an jeden Ort der Welt gelangen kann, und das meist schnell und kostengünstig, so kann man auch überall und zu jeder Zeit günstig an Obst gelangen. Die einst so kostbaren “goldenen Äpfel der Hesperiden” sind überall in der Welt angekommen, auch dem Flugzeug sei Dank dafür.

 

eingereicht von Wolfgang Schindler - Künstler

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